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Rosenmüller- Lo Zuane Tedesco

Der deutsche Giovanni

Rosenmüller

Johann Rosenmüllers Bedeutung als einer der wichtigsten und einflussreichsten Meister der Epoche zwischen Schütz und Bach ist von der Musikwissenschaft erstaunlich früh erkannt und formuliert worden; bereits 1845 schrieb Carl von Winterfeld in seiner umfassenden Monographie Der evangelische Kirchengesang und sein Verhältniß zur Kunst des Tonsatzes, Rosenmüller habe „die damahls allgemein beliebt gewordenen italienischen Formen, mit denen sein langes Verweilen in Venedig ihn vollkommen vertraut gemacht hatte, in ächt deutschem Sinne lebendig ausgestaltet, ihnen dadurch erst wahres Bürgerrecht erworben; was die späteren großen Meister des 18ten Jahrhunderts geleistet, haben sie zumeist ihm zu verdanken.“ Gleichwohl ist diese Erkenntnis erst in den letzten Jahren wieder allgemein ins Bewusstsein gerückt, haben seine klangschönen und eleganten Werke wieder viele Freunde gewonnen, sind in Konzerten erklungen und auf CD eingespielt worden.

…Bereits in seinen späten Leipziger Jahren ahmte Rosenmüller den italienischen Ton so perfekt nach, dass ein Zeitgenosse die in der Leipziger Universitätskirche aufgeführte Musik mit im Markusdom zu hörenden Klängen verglich (ob dies auf eigener Erfahrung beruhte, ist allerdings nicht überliefert). Andererseits boten auch Rosenmüllers venezianische Concerti noch so viel „teutsche Gravität“, dass sie zu begehrten Sammelobjekten mittel- und norddeutscher Hofkapellen wurden. Der Komponist verstand es offenbar, beide Stilsphären auf äußerst gekonnte Weise miteinander zu verbinden.
Vermutlich bedingten die Umstände von Rosenmüllers Weggang aus Leipzig – er war im Mai 1655 der Päderastie bezichtigt worden und entzog sich der Verhaftung durch eine dramatische Flucht, die weithin als Eingeständnis seiner Schuld gewertet wurde – die auffallende Kargheit gesicherter biographischer Daten, denn man sprach über den Komponisten fortan offenbar nur noch hinter vorgehaltener Hand. So dürften auch eine Reihe von Anekdoten entstanden sein, deren Wahrheitsgehalt im Einzelnen oft schwer abzuschätzen sind. Einmal heißt es zum Beispiel, Rosenmüller habe in Venedig durch die Schönheit und Meisterschaft seiner Kirchenstücke „die Scheelsucht [den Neid] derer Welschen so gar bis zu seiner eigenen Lebens-Gefahr sich zugezogen“. …
Die vorliegende CD enthält größtenteils Werke aus der insgesamt 25 Jahre umspannenden venezianischen Periode Rosenmüllers. In dieser Zeit entwickelte er in seinen zahlreichen Vokal- und Instrumentalwerken einen gleichermaßen vielseitigen wie unverwechselbaren Stil, dessen Eigenschaften in den hier eingespielten Stücken exemplarisch zum Ausdruck kommen.
„O dives omnium bonarum“ ist die Vertonung einer dem heiligen Augustinus zugeschriebenen Meditation, die der brandenburgische Theologe und Reformator Andreas Musculus (1514–1581) überliefert hat. Das Werk stammt aus dem zweiten Teil der Kernsprüche, einer 1653 in Leipzig erschienenen Sammlung von Geistlichen Konzerten aus der Feder Rosenmüllers. Die Vertonung folgt einem in Rosenmüllers frühen Werken häufig zu findenden Typus, bei dem eine hohe Singstimme in ein Ensemble von tiefen Instrumenten eingebunden ist. Der konzertant aufgelockerte polyphone Satz erhält hierdurch einen besonders festlichen Glanz.
Der Text zu „Estote fortes in bello“ entstammt einer mittelalterlichen Magnificat-Antiphon. Der hier angesprochene Kampf gegen die für den Teufel stehende „alte Schlange“ und die Verheißung des ewigen Königreichs haben Rosenmüller zu einem großen Schlachtengemälde inspiriert, dessen schmetternde Fanfaren und heroischer Ton von einzigartiger Wirkung sind. …
Die beiden hier eingespielten Sonaten entstammen der 1682 veröffentlichten zweiten Sonatensammlung Rosenmüllers und stehen somit am Ende seines wechselvollen Lebens. In dieser, in Nürnberg gedruckten und seinem neuen Dienstherrn Herzog Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel gewidmeten, Sammlung präsentiert Rosenmüller die Summe seiner in Venedig gesammelten musikalischen Erfahrungen. …
Zwischen der instrumentalen Sonata und dem vokalen Concerto bestehen in Rosenmüllers Schaffen zahlreiche Beziehungen und formale wie satztechnische Parallelen. Dies wird an der hier vorgestellten instrumentalen Ausführung des Konzerts „Surgamus ad laudes“ deutlich. Aus dem durch den Text angeregten kleingliedrigen Formplan wird eine ausgewachsene Sonata concertata mit ausdruckvollen rezitativischen Soli und motivisch dicht gearbeiteten Allegro-Abschnitten. Es zeigt sich, dass die Soggetti zwar im Blick auf den Text entworfen sind, in ihrer Ausarbeitung und fortschreitenden Verdichtung jedoch rein musikalisch-abstrakten Prinzipien folgen. Das gleiche gilt für das dreistimmige Konzert „Ego te laudo“, das im Original mit zwei Sopranen und Bass besetzt ist, hier aber in einer Duo-Fassung (Sopran und Bass) mit obligatem Zink musiziert wird.

Noch größere Aufmerksamkeit schenkte der Komponist allerdings dem 112. Psalm „Laudate pueri Dominum“, der in mindestens zehn verschiedenen Vertonungen aus seiner Feder erhalten ist. Unter diesen Werken zeichnet sich die hier eingespielte Fassung mit drei Singstimmen und sieben Instrumenten durch besondere Klangfülle und Brillanz aus. Der rasche Dreivierteltakt, die virtuosen Koloraturen, die feine Linienführung und die gleichsam konzertierende Behandlung der drei Singstimmen und vier hohen Instrumente weisen dieses eindrucksvolle Stück als ein Spätwerk aus, das die ungeheure stilistische Entwicklung erkennen lässt, die Rosenmüller – und mit ihm die europäische Musikgeschichte – in den vier Jahrzehnten seiner schöpferischen Tätigkeit durchmessen hat.

© 2010 Peter Wollny

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